Wir Mamas // Und irgendwo dazwischen bin ich

11 Apr 2017

Ohne einen genauen Standort nennen zu können. Ohne da oder dort zu sein. Ohne Zwischenhalt bin ich. Ganz nah bei mir. Mit mir. So ganz allein. Ohne dass ich meine Füsse fortbewegen muss, bleib ich nicht stehen. Ich gehe und trotzdem bin ich. Und das ganz nah bei mir. Mit mir. Nur ich. So ganz allein.

 

Ohne die Zeit zu meinem zu machen. Ohne dass mein Sein Erwartungen in mir auslöst. Bin ich hier.

 

Unterwegs. Anfang und Ende und irgendwo dazwischen bin nur ich. Mit mir. Und sonst nichts.

 

Ich sitze im Zug, bewege mich während den kommenden drei Stunden auf den Geleisen quer durch die Schweiz in Richtung Süden. Dort wo meine Familie schon auf mich wartet. Ich bin unterwegs in einem Abteil in dem ich nur einer mir fremden Sprache lauschen kann, den Schienen, die ab und an in einer scharfen Kurve quietschen und dem Caféwagen, der hin und wieder an mir vorbeirollt, wie er es wohl schon Jahr für Jahr getan hat. Immer der selbe Anfang und das selbe Ziel. Ich weiss gerade nicht wo ich bin. Muss ich auch nicht. Will ich nicht. Ich mag dieses «dazwischen». Dieses Gefühl gerade nirgends sein zu müssen, bloss hier bei mir. Es ist einer meiner liebsten Orte um Gedanken zu Papier zu bringen. Ich habe oft Mühe mir Zeit zu nehmen für mich. Für Dinge, die keinem Zweck nachgehen, keinem Ziel dienen, eigentlich nicht getan werden müssten. Es niemandem dient, dass sie getan werden. Niemandem ausser mir. Meine Zeit die nur mir gehört ist in den vergangenen Jahren ziemlich rar geworden. Als Mama gibt es da immer diesen kleinen Menschen den man um sich hat. Und wenn er dann mal gerade nicht da ist, ist man mit den Gedanken bei ihm, organisiert, plant, schaut voraus, erledigt all die wichtigen Dinge dazwischen, nutzt eben die Zeit. Möglichst viel in dieser oft doch so wenigen Zeit. Es bleibt oft viel geschafft, doch oft fühle ich mich danach müde und ausgelaugt als hätte ich meine Kräfte einmal mehr überschätzt. Wirklich viel hat man davon nicht.

 

Ich neige dazu ein, zwei Stunden freie Mamazeit mit Dingen zu verbringen, die getan werden müssen. Wäsche machen, schnell den Boden wischen, einzukaufen… statt mir die Zeit zu nehmen etwas zu tun was mich glücklich macht. Meine Kräfte stärkt, mich als Mensch in meinem Sein zufrieden macht. Definitiv könnte ich dann länger davon zerren als auf einem sauberen Boden mit meinem Sohn zu spielen. Es ist wohl einfacher den Dingen nachzurennen, von denen man ganz genau weiss, dass man sie tun muss. Dass es sich gehört diese Dinge zu erledigen. Dass man Punkt für Punkt auf dieser meist nur in Gedanken existierenden to-do-Liste abarbeiten kann. Wirklich viel Zeit für sich und seine Gedanken, für sich und sein Inneres bleibt da nicht. Und das ist wohl oft viel einfacher. Wenn auch nur kurzfristig. Denn Zeit nur mit sich, ohne viel Reize um sich zu haben, ist schwierig. Man muss sich schon mögen um das auszuhalten. Ich denke, dass das wie eine Reise ist, man kommt dessen immer eine kleines Stück näher.

 

 

Und da bin ich grad. Ich habe gelernt, dass man als Mama diese freie Zeit planen muss. Sich bewusst nehmen muss und auch darf. Ansonsten funktioniert zwar alles um sich herum, Familie, Beruf, Haushalt. Aber man entfernt sich wohl ganz schön viel von sich weg. Immer mehr. Und wieder dahin zurück zu finden, nah zu sich selber, wird dann wohl immer schwieriger. Ich liebe die Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen. Brauche Zeit nur für mich selber jedoch genau so sehr. Wenn ich Raum habe mich meinen Gedanken, meinen Emotionen hinzugeben, denen Beachtung zu schenken, zu spüren was sie mit mir machen und Zeit habe zu fühlen wohin sie mich führen mögen, wohin ich denn möchte, dann fühle ich mich leicht. Und wohl. Und kann meinem Herzen, meinen Wünschen und meiner Sehnsucht dem Leben nah zu sein, und es bewusst in all seiner Facette zu spüren viel mehr nachgehen. So war ich wohl schon immer und werde es wahrscheinlich auch immer sein.

 

 

Ich vergleiche es gerne mit einem unordentlichen Zimmer. Ist es meins, würde ich darin leben, so würde ich mich unwohl fühlen, die sichtliche Unordnung würde mich ablenken. Ich müsste es zuerst aufräumen, bis in die Tiefe Ordnung reinbringen, erst dann wäre es mir wohl und ich könnte anfangen darin wirklich zu leben. Und mit Leben meine ich nicht nur zu existieren, sondern wirklich zu sein.

 

So habe ich gelernt mir meine Zeit zu nehmen, damit es meinem Inneren, meinem Seelenleben gut geht. Inzwischen habe ich das Gefühl, dass diese Zeit ganz schön gut investiert ist.                                                                                                     

Der Weg dahin war wohl aber ganz schön lange. Ich bin eine Mama die es mag ihr Kind möglichst viel um sich zu haben. Das Leben miteinander zu erleben. Vom Morgen bis zum Abend. Mit den Höhen und Tiefen. Ich bin eine Mama die Hilfe schlecht annehmen kann und schon gar nicht darum bittet. Ich bin eine Mama, die glaubt ganz vieles miteinander erledigen zu können und wenn dann Abstriche gemacht werden, die am ehesten bei sich selber macht. Auch bin ich eine Mama deren mütterliches Gewissen ihr manchmal schwer lastet, das Kind für ein paar Stunden zB bei der eigenen Mama zu lassen, nur um Zeit für sich zu haben. Dabei hätte es doch die eigene Mama genauso nötig. (Natürlich hat ihre Generation ihr noch viel weniger Möglichkeiten gegeben, sich darin zu üben. Zu üben auch auf sich selber Acht zu geben.)

 

 

So begann ich meine freie Zeit einfach zu planen. Mit einem Stift habe ich es in meiner Agenda eingetragen. Anfangs noch ganz klein, so dass man es hätte gut übersehen können. Mittlerweile stehen sie ganz selbstverständlich in grossen Lettern da. Es muss nicht oft sein, auch nicht ausgedehnt. Aber immer wieder, in regelmässigen Abständen. Auch dann wenn alles drunter und drüber geht. Auch dann wenn es die Zeit eigentlich gar nicht zulässt. Aber gerade dann. Dann kann eine halbe Stunde durch den Wald rennen so viel sein. Zeit und Selbsterfahrung von der man tagelang zehren kann.

 

So sitze ich hier in meinem Abteil und spüre wie ich mich fortbeweg, und doch sitz ich hier mit Herz und Kopf bei vollem Bewusstsein bei mir, mit mir, um nachher mit klarem Kopf und warmem, leichtem Herz meinem bereits schlafenden Sohn ein Gute Nacht Kuss auf die Stirn zu geben. Der wohl schon friedlich schlummert und dessen Atmung seinen kleinen Bauch ganz sachte auf und ab bewegen lässt. Alles im Einklang.

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Über neanoa

"Nea" steht für "neu" und "Noa" für "bewegend" wie auch "ruhend". Etwas Neues, das (Mama)-herzen berührt, sie bewegt und ans Wesentliche erinnern lässt. Hier soll der Sinn in all seiner Tiefe & das Sein in all seinem Schönen gleichermassen Platz zum Wachsen und inspirieren haben. Schlicht, ehrlich und dem Leben ganz nah.  

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