Die Sache mit dem Loslassen

12 May 2017

 

Eins waren wir, du wurdest in mir, ich wurde mit dir ein neuer Mensch.

Eins waren wir, du warst Teil von mir, ich wurde Teil von dir wie neu geboren.

Zwei wurden wir, du wolltest dich lösen, ich wollte dich lassen, in deine und meine Welt gebären. Zwei werden wir, du wirst dich bergen und lösen, ich werde dich halten und lassen müssen. Immer wieder, bis du erwachsen bist in deinem Leben.

 

Christiane Brundschuh-Schramm

 

 

 

Und immer wieder lese ich diese Zeilen. Sie begleiten mich nun schon eine Weile. Sie stehen im Erinnerungsbuch meines Sohnes an seine ersten Tage bei uns.

 

Es ist kein einfaches Thema für mich, wird es immer bleiben. Es gelingt mir mal mehr, mal weniger.

 

Man sagt, dass das Kind solange es im Mutterleib ist, einem ganz alleine "gehört". Danach darf man es begleiten, aber es gehört einem nicht mehr. Man darf es halten, muss es aber immer wieder lassen.

 

Ich bin eine Mama, die aus Überzeugung, ohne es besser zu wissen, aber aus dem Herzen heraus ein bindungsorientiertes Aufwachsen für gut und nötig befindet. Ohne mich gross mit Literatur befasst zu haben schien es mir als natürlich und selbstverständlich, dass die ersten Wochen eines Kindes vor allem durch den Kontakt von Mama und Papa und später einigen wenigen Bezugspersonen gepägt sein soll. Dass es nicht mehr braucht als eine Mama, die verlässlich ist, deren Herzschlag ihm vertraut ist. Dass es kein zu viel an Nähe und Geborgenheit gibt. Dass die Kleinen auch nachts nicht lange alleine sein mögen, dass sie Körperkontakt brauchen, um sich vertraut und geborgen zu fühlen. Gesund genug um zu wachsen, in jeglicher Hinsicht. Ich bin überzeugt, dass eine enge und intensive Bindung nötig ist, dass ein gesundes Menschlein heranwachsen kann. Dass dies wichtig ist, eine Mutter-Kind-Beziehung prägen. Über Jahre im Entstehen, am Wachsen, am sich verändern.

 

Wir haben wohl eine sehr tiefe, vertraute Beziehung. Und darüber bin ich sehr dankbar. Zu sehen, wie sicher und stark dieses Kind sich in die weite Welt hinaustraut, und dabei den Schutz, den Rückhalt von Mama immer weniger sucht. Er weiss ich bin da. Und das reicht oft einfach auch schon aus. Ich sehe ihm dabei zu und lerne zu vertrauen, dass es genau richtig ist. Zu seiner Zeit. Ich übte mich darin, zu vertrauen, auszuhalten. Wenig zu hoffen, einfach zu vertrauen. Dass das Kind seine eigenen Erfahrungen machen darf, sogar muss. Dass es okay ist, wenn es hinfällt, auch wenn ich ihm dabei zugesehen habe und es hätte verhindern können. Aber nur so lernt das Kind, an seinem eigenen Hinfallen und noch wichtiger an seinem eigenen Wiederaufstehen. Dass es okay ist, wenn nicht ich diejenige bin, die es als erstes tröstet. Dass da noch ein ganzes Dorf ist, das ihm bei seinem Wachsen Gutes und Wichtiges tut. Dass es weiss, dass seine Mama da ist auch wenn sie es im Moment physisch nicht gerade tut.

 

Ich lernte, dass man als Mama oft den schwierigeren Weg wählen muss, damit dem Kind auf seinem ganz eigenen Lebensweg Gutes getan wird, damit es lernt zu fliegen, loszufliegen. Und genau darin liegt die Schwierigkeit. Es gibt da eine Geschichte einer Vogelmama, die ihr Junges zu ihrem eigenen Schmerz zwar, aber im besten Sinne für das Junge, aus dem Nest lockt. Raus in die Welt. Bis es losfliegt.  Denn dafür sind Flügelchen schliesslich da. Loslassen, damit es losfliegt. Und immer wieder zurückkommt.  Das muss Mutterliebe sein.

 

Die Geschichte hat mir jemand vor nicht einmal so langer Zeit erzählt und da habe ich es verstanden, was das Loslassen mit der Mutterliebe zu tun hat. Seither ist alles ein klein wenig klarer, einfacher. Denn bedingungslose Liebe und Loslassen sind einander nah. Sehr nah.

 

Man lernt damit umzugehen. Dann wenn man weiss, was das Kind braucht, damit es ihm gut geht. Wie man das Kind beim Wachsen und Leben leben begleiten kann, ohne dass es sich dabei eingeengt fühlt, sondern frei und leicht. Man lernt  im Hinblick auf die Beziehung "Mama-Kind" den Blick stets beim Kind zu haben, denn ein waches, liebendes Mamaherz spürt und sieht was ihr Kind braucht. Und so gelingt es mir auch um einiges besser, dass ich für mich die Ruhe finde, so dass es sich auch für mich leicht und richtig anfühlt.

 

Der Symbiose Mama-Kind  die eine eigene Dynamik geben. Sie erst nehmen, ihr vertrauen.

 

Ich habe gelernt, auszuhalten. Zu akzeptieren, dass es schwierig sein darf. Dass man sich daran gewöhnen muss. Dass es ein langsamer Prozess ist und man sich dafür die nötige Zeit nehmen darf und die schönen, wichtigen Gründe in diesem Loslassen sehen kann.

 

Vertrauen. Sehen. Wachsein. Empfinden. Loslassen und Halten. Immer wieder. Ein Leben lang.

 

Und obwohl ich weiss, dass ich eine dieser Mamas bin, für die das immer ein grosses, nicht ganz leichtes Thema sein wird, gelingt mir dies inzwischen schon richtig gut. Denn ich weiss,  dass ich auf mein feines Gespür vertrauen darf, es irrt sich selten. Dass ich in der Lage bin mein Kind, unabhängig von meinem Empfinden in seinen Bedürfnissen wahrzunehmen und auch mich in meinem Empfinden am Ende auch nicht ganz vergesse.

Ich weiss, dass es uns gut gehen wird, so wie wir das machen. Und genau so. Denn es ist unsere Art fliegen zu lernen

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Über neanoa

"Nea" steht für "neu" und "Noa" für "bewegend" wie auch "ruhend". Etwas Neues, das (Mama)-herzen berührt, sie bewegt und ans Wesentliche erinnern lässt. Hier soll der Sinn in all seiner Tiefe & das Sein in all seinem Schönen gleichermassen Platz zum Wachsen und inspirieren haben. Schlicht, ehrlich und dem Leben ganz nah.  

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